blog lebensliebe

Reisen ohne Smartphone – oder: Die Entdeckung von 1000 unterschiedlichen Welten in 2 Wochen

April 19, 2016

Wie in jedem Jahr habe ich mich auch diesen Herbst mit  meiner besten Freundin wieder auf Reisen gemacht. Es sollte nach Asien gehen, genauer nach Thailand und Kambodscha. Ich hatte schon vor zehn Jahren als sehr junger, budgetierter Backpacker das Glück Thailand zu bereisen und war gespannt auf die Veränderungen in dem Land.

In den letzten Reisevorbereitungen ist mir bewusst geworden, ich habe auch selbst Lust ein wenig mehr wie damals zu reisen – also ohne Smartphone.

 

Gesagt, getan. Am Tag unserer Abreise haben wir beide unsere Smartphones verabschiedet und sind los zum Flughafen. Ein Geständnis hier am Rande: Wir hatten ein altes Gerät dabei, für das wir eine Thai Sim Karte besorgen wollten, aber auf diesem Gerät wurde nicht mehr als Chrome und Maps installiert.

 

Schon auf dem Weg zu Flughafen wurde es interessant.

 

Schon auf dem Weg zum Flughafen wurde es interessant: Wie finden wir jetzt eigentlich ein Drive Now? Auch die Nutzung des aktuellen 50 % Angebots von MyTaxi fiel weg. Aber siehe da, man kommt auch so zum Flughafen, zum Check In und nach Thailand. Dort haben wir eigentlich die ersten kalten Entzugserscheinungen erwartet. Aber ganz im Gegenteil: Schon am ersten Tag in Bangkok entdeckten wir wie skurril unsere Welt – auch in Asien – geworden ist. Menschen unterhalten sich nicht mehr, sondern schauen eigentlich fast ohne Ausnahme in ihr Smartphone. Egal ob in Flughäfen, Bahnhöfen oder den diversen Malls. Der Schein des Bildschirms ist das UV der Neuzeit geworden. Während wir dies so beobachteten, fiel uns auf wie viel Zeit für uns selbst entstand. Plötzlich gab es nicht nur keine Gelegenheit mehr, Facebook zu checken und über all die Events, die man verpasst hat oder die tollen Reisen, die man noch nicht gemacht hat, nachzudenken. Auch das Warten auf die Whats App Antwort von wie hiess er noch fiel weg. Stattdessen war da wieder Raum für ja – was eigentlich? Erst mal: zum Lesen. Ich habe in zwei Wochen neun Bücher gelesen. Ich hatte ganz vergessen wie schön es ist, um des Lesens willen zu Lesen. In unseren Urlaubsfotos sitzen wir mehr als einmal mit einem Buch auf den Knien zwischen anderen Reisenden, die gerade Selfies schiessen oder einfach nur Smartphone-Wischen spielen. Und wie viele, neue Gedanken auf diesem Wege entstehen. Bücher und Geschichten über fremde Leben, Kulturen und Welten regen zum Denken an. Das ist für uns alle keine Neuigkeit. Doch ich gestehe, in meinem normalen Berliner Leben sitze ich nur noch selten in der Bahn und lese. Auch wenn ich im Café, Restaurant oder vor dem Kino warte, prüfe ich, was es so neues in der Smartphone Welt gibt. Das Iphone klebt an meinem Arm und das Wischen ist meine größte, sportliche Betätigung geworden.

 

Der Schein des Bildschirms ist zum UV der heutigen Zeit geworden und Wischen eine sportliche Betätigung.

 

Ich behaupte, das hat meinen Horizont verkleinert, ohne dass es mir bewusst war. Denn die Nachrichten, die wir so konsumieren, ob privat, beruflich oder politisch, sind ständig Kurzfassungen, die in unsere Wischbewegungen passen müssen. Die Webseiten, die wir besuchen, sind eigentlich immer die gleichen und die Inputs, die wir so erhalten, drehen sich letztlich in einem Radius mit sehr kleinem Kreis. Dabei möchte ich unser Smartphone-Dasein nicht verurteilen – wer verurteilt sich schon gerne selbst?

Was mir aber noch aufgefallen ist: Ich war in den zwei Wochen auf Reisen sehr viel offener. Meine Augen haben wieder die Welt um mich wahrgenommen – die fleissigen Asiaten, die an allen Stellen emsig ihre Infrastrukturen ausbauen; die kleinen Kinder, die nach wie vor mit scheinbar erwachsenen Augen um Geld betteln und die Taxifahrer, mit welchen man lange nicht mehr so gut Preise verhandeln kann wie einst. Die Gerüche der Streetfood- Stände waren auf einmal sehr präsent und die Farben der Mönchsgewände eine intensive orangene Freude vor den goldenen Statuen. Sicher kann man all das auch trotz Smartphone Nutzung sehen und vor allem auch gleich ein Foto schiessen. Aber auch hier: Das Eintauchen in die Welt, das bewusste Riechen, Spüren und Sehen braucht Zeit!

 

Ohne Smartphone wird man sehr viel offener für die Fremde.

 

Dann entstehen auch wundervolle Fotos, die man mit einer hochauflösenden Kamera später ganz anders geniessen kann als mit einem Smartphone. Natürlich fiel durch den Mangel an Smartphone Fotos und Apps die Chance weg, Bilder zu versenden, Likes zu generieren oder vielleicht auch die Familie Anteil nehmen zu lassen. Aber gleichzeitig haben die langen Emails, die man an die Familie verschickte eine ganz andere Qualität der Kommunikation gezeigt. Und mal ehrlich – fährt man nicht auch eigentlich in den Urlaub, um mal abzuschalten und sich eben nicht mit den Alltagsthemen von zu Hause auseinandersetzen zu müssen? Gerade wenn man bedenkt, dass man die entscheidenden Themen entweder sowieso nicht erfährt (meine Eltern hätten nie auf Facebook gepostet, dass mein Opa einen Schlaganfall hatte) oder aus der Ferne nichts daran ändern kann.

Nun wieder zurück im schönen Berlin kann ich sagen, ich bin sehr dankbar über die (fast) Smartphone-freie Reiseerfahrung. Der Cold Turkey hat sich während der gesamten Reisezeit nicht einmal eingestellt. Ich habe mich ganz im Gegenteil befreit gefühlt. Der Raum, der so entstanden ist, hat so viele Gedanken, Gespräche und Wahrnehmungen ermöglicht, die unglaublich bereichernd und entspannend waren. Und noch immer amüsiere ich mich über die vielen Selfie-Sticks, die Mönche mit Smartphones und den Go-Pro Backpacker auf unseren Fotos.

 

Der Cold Turkey ohne Smartphone hat sich während der gesamten Reise nicht eingestellt.

 

Gleichzeitig steckt nun wieder jeden Tag ein Buch in meiner Tasche: U-Bahnfahrten, Wartezeiten in Cafés und Restaurants sind so sehr viel spannender geworden. In meinen Zeilen möchte ich nicht dafür plädieren, Smartphones aus unseren Leben zu verbannen oder sie verurteilen. Ich liebe mein Iphone nach wie vor und freue mich nun auch wieder es zu nutzen. Ich möchte nur darauf hinweisen wie viel Zeit, Entspannung und Einsichten wir gewinnen können, wenn wir uns manchmal bewusst machen, dass es eben auch ohne geht!

 

 

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